Das Schreiblabor der E.Tesaurus

Hallo, ihr Lieben
Ich habe mir die cheffehöchstpersönliche genehmigung geholt, hier einen neuen Spielplatz aufzumachen. Ich hatte ja schon ein paarmal den Versuch gemacht, die Geschichten aufzuschreiben, die mir immer mal durchs Hirn flitschen. Facebook (zu krakig), wordpress (Zu...gangsdaten verschusselt), lose Blattsammlung... nun also hier ein neuer Versuch. Ich  lege hier mal ein paar der alten Geschichten ab, vielleicht gefällt es Euch ja, dann kommt mehr.
Das Spannenste für mich wird sein, sie auf dem Smartphone niederzuschreiben, durchs T9 bekommt das immer noch mal einen ganz eigenen Drive :D
Nun denn, mögen die Spiele beginnen....:dafuer:

 

Zwanzig Cent

 

Die gut gekleidete Frau kam aus der Toilettentür und wusch sich die Hände. Sie überprüfte kurz im leicht angelaufenen Spiegel ihr Erscheinungsbild- an so etwas Intimes wie Make-up-Auffrischung war an diesem öffentlichen Ort nicht zu denken- und zog dann ihr Handy hervor, um sich die nächsten Schritte ihres ebenso perfekt durchgestylten Tagesablaufes noch mal in Erinnerung zu rufen. Sie war schon im Gehen, als eine dürre Stimme sie zurückhielt. "20Cent für die Benutzung, die Dame." Sie warf unwillig einen Blick zurück. Er fiel auf die ältere Frau, deren kittelbekleideter Körper zur Stimme passte. Die überraschend starken Arme steckten in grünen Gummihandschuhen, die sich farblich mit dem billigen Lippenstift bissen. Die stark ergrauten Haare standen wie Antennen in alle Richtungen ab. "Pardon?" Geringschätzig hob sich eine gezupfte Augenbraue. "Ich sagte, 20 Cent für die Benutzung." Umränderte Augen, in denen überraschende Klarheit stand, blickten unbeirrt zurück. "Wofür? Für die Benutzung einer öffentlichen Toilette? Sie werden doch sicher für ihren Job hier bezahlt!" Der Riemen der edlen Handtasche wurde zurechtgerückt, das Handy verschwand. "Und das sicherlich von Steuergeldern." "Klar doch." "Eben, warum benötigen sie dann meine 20 Cent?" Ihre Augen hielten die der Klofrau fest. Die blickte offen zurück. "Na, wegen der Zusatzleistung." "Wovon reden sie? Über den Seifenschaum? Den Händetrockner? Muss die Stadt ihre Bürger an den Energiekosten beteiligen?" "Nee, aber anner Entsorgung." Röte zog langsam über das Gesicht."Ich glaube es nicht! Meinen sie, meine Firma würde ihre Kunden an der Papierentsorgung beteiligen? Oder an der Verschrottung alter Geräte?" "Sie ham mich falsch verstanden. Es geht nicht um die Entsorgung ihrer...ähm...körperlichen Hinterlassenschaften, so würden se es wohl nennen." "Sondern?" "Es geht um das Andere, was se hierlassen." Die Businesslady warf einen genervten Blick auf ihre Uhr und lehnte sich dann kampfbereit mit verschränkten Armen gegen die Wand. "Ich bitte um Erklärung, und zwar rasch. Ich glaube nicht, dass ihr Chef es billigt, wenn sie die Kunden von ihrer Arbeit abhalten. Meiner hat dafür jedenfalls kein Verständnis." "Ich weiss." Wieder wurden Augenbrauen gehoben. "Sehen se, ich weiss Einiges über das ärgerliche Gespräch mit Ihr´m Chef heute morgen, über die Sorgen, die se sich über ihre Mutter machen, sogar über das Geschenk, dass se ihrer Lüttjen noch besorgen müssen." "Was erlauben sie sich? Spionieren sie Kunden aus? Das geht gegen meine persönlichen Daten und ich erwarte eine Erklärung!" Die Dame glühte inzwischen vor Zorn. "Nee, ich spioniere nicht. Ich hab das alles von ihnen selbst. Isses ihnen noch nie aufgefallen? Man erleichtert sich, wäscht sich die Hände, geht wieder raus und ist irgendwie aufgeräumter. Ich verrate es ihnen- die Leute lassen einfach einen grossen Teil ihrer schlechten Gedanken, ihrer Sorgen hier. Sie merken es garnich´, noch nich´ mal, dass es ihnen besser geht. Dafür sind diese Orte hier eigentlich gemacht, nich´nur zur Reinigung vom Körper." "Wollen sie tatsächlich ein öffentliches WC mit einem Beichtstuhl vergleichen?" "Das ham sie gesagt, nich´ich." Die jüngeren Augen blickten in die älteren, forschend, fasziniert, abschätzend. Deren Blick zeigte inmitten ihrer Klarheit plötzlich flüchtige Schatten von zuviel Gesehenem. Ganz wenig Funken von Schönem gab es darin. DIe Schatten umkreisten sich und wirkten unfassbar bedrohlich. Es ähnelte kurz einem tiefen Abgrund, in dem ein Unwetter tobte. Dann war der Augenblick vorbei und die Jüngere holte tief Luft. "Und sie entsorgen das..." fragte sie, langsam, begreifend. "So isses." "Wie?" "Das würde hier zu weit führen, belassen se´s dabei, dass sich hier ´ne Klofrau um den Dreck anderer Leute kümmert." Humor blitzte auf. "Immer noch langsam zog die Business-Lady ihr Lederportemonnaie hervor und entnahm ihm einen Schein. "Danke!"  Die ältere Frau nickte und lächelte fein.



Geht anders geht besser als Geht nicht
"Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
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Kommentare

  • Zu dieser hier hätte ich eine weitere in der Hirnrinde...

    True Colours

     

    Er kniff leicht die Augenbrauen zusammen.

    Sein Studio, sein Leben, lag in einer kleinen Seitenstrasse, aber dank des legendären Rufes schneite zwischendurch auch einmal diese Art von Kundschaft herein. Jung, chemikalblond, kichernd und in grellen Farben leuchtend.

    Ja, auch das gehörte dazu... er tippte auf ein niedliches nicht zu grosses Piece am Bauch oder auf der Hüfte- Rose, Schmetterling, Delfin? Egal, sie war eine Kundin und er würde auch ihr das Tattoo ihrer Träume stechen, das war er "True Colours" schuldig.

    Die Kleine war -natürlich- mit ihrer Freundin da und gemeinsam blätterten sie in den zahlreichen Vorlagebüchern.

    Er starrte aus dem Fenster.

    Seine Gedanken schweiften ab. Wenn die Mädels wüssten, was es mit seiner Nadelkunst auf sich hat, würden sie wahrscheinlich unter ihrem perfekten Make-up verblassen und sich verdrücken.

    Er hat schon früh gespürt, welch altes Blut in ihm kreiste und hatte eine vage Ahnung, welche Macht das bedeutete. Die Grosseltern seiner Mutter gehörten zum fahrenden Volk, sein Vater war Sohn einer Maori.

    Von welcher Seite er die Fähigkeit geerbt hatte, in die Menschen zu schauen, Schicht um Schicht zu durchwandern, bis er zu den geheimen Sehnsüchten und ureigenen Bestandteilen vordrang. Seine Kunden sahen die dunkle Brille, die er stets trug, als einen persöhnlichen Spleen oder die Attitüde des Künstlers an. Nur der eine Mensch, der ihm als junger Mann geholfen hat, seine Gabe zu verstehen, wusste, wozu das monströse, getönte Ding diente.

    Um besser in den Menschen lesen zu können, schloss er die Augen und versenkte sich in die verschiedenen Ebenen, bis er genau das Bild fand, was seinen Kunden unendlich glücklich machte- auch wenn der keine Ahnung davon hatte, dass er es in sich barg.

    "Wenn ich ein Pferd gestalte, schlage ich einfach alles vom Stein weg, was kein Pferd ist". Wer sagte das, Michelangelo? Whoever, im Prinzip arbeitete er nach der gleichen Methode, enthüllte und befreite das Bild und absorbierte einen Teil seiner Energie, um es, verdünnt und verlängert wie eine Essenz, auf der Haut sichtbar werden zu lassen. Der surrende Apparat in seiner Hand war dabei das geringste Mittel, nur eine Hilfe zur Übersetzung der Energie.

    "Dieses hier will ich!" Er zuckte aus seinen Gedanken.Vor ihm stand die junge Frau und hielt ihm-surprise!- einen bunten Falter unter die Nase. "Auf der Hüfte?" Sie riss die Augen auf. "Sie sind wirklich gut! Und "True Colours" ist der Waaahnsinn! Meine Freundin hatte recht!" rief sie, eine Oktave höher, als angenehm gewesen wäre. "Macht 150 Euro und wir können gleich loslegen" knarzte er. Hierfür würde er sich nicht besonders anstrengen müssen, im Prinzip könnte er nebenbei seine längst fällige Steuererklärung machen.

    "Uh-jetzt gleich? Ok, machen wir es, bevor mich der Mut verlässt." Sie kicherte nervös.

    Kurze Zeit später lag sie seitlich vor ihm. Ihre Freundin, leicht blass, verdrückte sich derweil, "kein Blut sehen"-murmelnd in den Vorraum zu den Katalogen.

    "Los geht es" brummte er und warf den Apparat an, um Tätigkeit vorzutäuschen.    Er schloss die Augen, liess sein Bewusstsein in ihre Hautschichten sickern, durch die Gewebebahnen.  Wie erwartet fand er genug zuckerige Lieblichkeit, gemischt mit einer gewissen Leichtigkeit, dass die Konturen des Motives schnell vor seinem "Auge" deutlich wurden. Er holte Luft- sie ebenfalls, etwas gepresster- und liess die Nadeln in ihre Haut gleiten.

    Er griff nach dem Bild, sah genau hin und holte es an die Oberfläche. Eine Weile hörte man nur des surrenden Apparat und den einen oder anderen intensiven Atemzug.

    Plötzlich stutzte er. etwas kippte, etwas stimmte nicht. Sein "Auge" war gegen etwas Fremdes gestossen, das er nicht erwartet hatte. Er spürte ein Zittern, ohne sich die Mühe zu machen, herauszufinden, von wem es kam, griff tiefer...bis er das Gewebe, eine feine dunkle Verästelung im glatten Pink, deutlich spürte. Er versuchte, die an schmierige, dunkelgrüne Algen erinnernden Fäden zu fassen. Die Masse wehrte sich und er fühlte ihre vernichtende Bösartigkeit, die ihr Territorium nicht aufgeben wollte.                               

     Die Kundin wimmerte etwas, aber er spürte die Wichtigkeit, alles, bis auf den letzten schleimigen Schatten, zu erwischen. Die Nässe stand auf seiner Stirn, brannte hinter den getönten Gläsern in seinen geschlossenen Augen. Stück für Stück wickelte er die dünnen Fäden auf, absorbierte das Gewebe.                                                      

    Einen Moment lang wurde ihm schwindelig und er kämpfte mit aller Energie gegen die Substanz und die Schwere an, die in ihm aufstieg.

    Dann transformierte sich die bösartige Energie und floss als Farbe aus den Nadeln unter die Haut. Er spürte dankbar das Nachlassen des Druckes in ihm, das Entkrampfen der Muskeln, während sich das Bild füllte.

    Schliesslich beendete er mit einem tiefen Atemzug seine Arbeit.                        

     "Fertig" rief er rau in Richtung Vorraum.

    Die Freundin nahte klappernd und gespannt- und er konnte fast hören, wie ihre Gesichtszüge entgleisten. "Was ist das??" quietschte sie, während sie auf das schwarz und dunkelbraun geflügelte Wesen starrte.                                           

    "Ein Mohrenkopf, gehört zu den Nachtfaltern" antwortete er trocken.              

     "Was", kreischte die Frischverzierte, "ich wollte einen Schmetterling! Jetzt habe ich eine verdammte Motte auf der Hüfte!?"

    Ihre Stimme frass sich in seine Nervenbahnen und mit einer letzten Anstrengung griff er in ihr Bewusstsein. "Psyche unicolor" erklärte er cool, "jeder heisse Typ, der halbwegs bei Verstand ist, wird Sie unglaublich tiefgründig und unwiderstehlich finden".

    Die Kundin zögerte. "Sie meinen wirklich, dass..."  "Oh, sie werden sich vor Dates nicht mehr retten können."   Dass sie sie auch geniessen kann, da er ihr eben die bösartige Geschwulst entfernt hat, verschwieg er.





    Geht anders geht besser als Geht nicht
    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
  • Ich kann auch morden... Aufträge werden über PN entgegengenommen :D


    Bis das der Tod...

    "Sie liebt den DJ..." Herzzerreissend schwallte der Wendler aus dem Kückenradio. Es tropfte förmlich direkt in ihr Ohr und zog eine bittersüsse leichte Spur durch ihr etwas ergrautes Gesicht.Kurzfristig entspannten sich die stets nach unten gerissenen Mundwinkel und liessen einen schönen Gedanken zumindest erahnen. Ja, so war das damals! Er stand da hinter dem Plattenteller und hielt die Party in Schwung und die Leute auf der Tanzfläche. Ab und zu schaute er zu ihr rüber und sie starb fast vor Aufregung. Was sahen sie beide gut aus! Und wie sehr wurde sie beneidet! Naja, darüber konnte sie sich schon lange nicht mehr beschweren. Wer sollte schon jemanden beneiden, der an so einem alten Sack festklebt, der immer noch den ganzen Tag vor sich hinwienert, derweil der Gatte die Pension geniesst, die Nase in irgendeinem Schmöker, die unvermeintliche Kippe im Mundwinkel oder im übervollen Aschenbecher vor sich hinqualmend. Unglaublich, dass einer, der Chemie studiert hat und jahrelang im Bundesamt über Umweltgifte hofhielt, immer noch an diesem Höllenkraut festhielt! Ihr blieb es überlassen, die Tabakskrümel aufzusaugen und das gelbe Zeug von den Fenstern zu kratzen. Wenn es wenigstens so eine schicke vanilleduftende Pfeife wäre! Aber nein, immer noch die Selbstgedrehte aus dem gleichen Zeug, das er schon als Student bevorzugte. Damals fand sie das noch lässig, wie er sich so nebenbei mit einer Hand so ein weises Würstchen in der Manteltasche drehte. Heute knirschte sie nur noch mit den Zähnen, weil sie wieder die gelben Flecken aus den Jacken schrubbte. Nützt ja nichts! Die Unterlippe schob sich vor, was die Mundwinkel ins Bodenlose fallen liess.

    Nun war es ja nicht so, dass sie sich grossartig beklagen konnte. sie hatten ein gutes Leben, stritten nicht und es gab reichlich Zeit für ihre jeweiligen Lieblingsbeschäftigungen. Aber nach 43 Jahren Zusammenleben war sie von ihm einfach satt. Sie ertrug ihn einfach nicht mehr. Seine Armbewegungen, wenn sie wanderten, seine Geräusche, die er beim Essen machte, seinen Geruch-seine blose Gegenwart! Konnte er sich nicht einfach in Luft auflösen, wie diese verdammten Kippen? Von hier aus konnte sie das Tabakpäckchen sehen. "Raucher sterben früher". Pffft! Wenn es mal so wäre! Wenn er einfach einen anständigen Abgang hätte, dann könnte sie weiterhin in ihrer gewohnten Umgebung leben. Die alten Freunde würden ihr erhalten bleiben, sie sogar eine Zeit umsorgen und bemitleiden, die arme Witwe...und es wäre endlich Frieden in ihrer Welt. Aber wahrscheinlich würde er aus purer Gewohnheit mindestens 90 werden, einfach, weil er Veränderungen so unbequem fand, und sei es das eigene Ableben.

    Seufzend griff sie nach dem Putzmittel. Da klebte ihr Blick auf der Dose mit dem Abflussreiniger fest. "Gesundheitsgefahr! bei unbeabsichtigtem Einatmen ist umgehend der Arzt aufzusuchen". Stand da. Leise glomm ein Bild in ihr auf. Er, wie er mit gelben Fingern sein Kippchen drehte- den Tabak im Blättchen verteilend, und es anschliessend durch Anlecken an einer Seite verschloss (es hing immer ein Tabakfaden heraus!). Sich zurücklehnte, die Zigarettenwurst anzündete, genüsslich die Giftschwaden einatmete. Wie seine Haut sich rötete, seine Augen hervorquollen, er mühsam nach Luft rang- versuchte, sie in die streikenden Lungenflügel mit Gewalt hineinzuzwängen, die einfach ihren Dienst einstellten und das taten, was er sich, Beamter, der er war, ein Leben lang versagte... streiken.

    Man müsste einfach nur ein bisschen davon in seinen Tabak streuen. Während sie den Herd schrubbte, malte sie sich das Bild bunter, mit der Vorstellung, das ganze Haus für sich zu haben... alleine den Tagesablauf zu bestimmen... die eigenen Urlaubspläne verwirklichen... ihre Falten glätteten sich ein wenig, die Augen leuchteten verträumt in die Zukunft.

    Durch Zufall fing er diesen Blick auf und schmunzelte in sich hinein. Aha, sie jagt wieder Wunschfalter! Weiss der Himmel, was sie sich da wieder zurechtspann. Wahrcheinlich wurde sie durch diese furchtbare, verblödende Musik inspiriert, die ihm so weit zum Hals raushing, das er sich ohne weiteres damit aufhängen könnte. Naja, das hatte er vor langer Zeit geehelicht, man hatte sich nun mal eingerichtet. Er tastete nach dem Päckchen Tabak, das neben ihm auf dem Tisch lag. Ohne hinzusehen fischte er sich seine Portion heraus, verteilte sie bröselnd auf dem Papier, das er anleckte und zuklebte. Dann liess er sein Zippo aufschnappen. Die Stichflamme beleuchtete einen Sekundenbruchteil ihr freudig erregtes Gesicht. Danach riss die Explosion des Gasherdes alles an sich. Ob es ein Leck gab, oder ob sie den Hahn beim Putzen versehendlich geöffnet hatte, war für beide nicht mehr so wichtig. "Wenigstens sind sie gemeinsam gestorben und bestimmt sind sie jetzt für immer beieinander" wird ein Freund später auf der Beerdigung sagen.





    Geht anders geht besser als Geht nicht
    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
  • Oh Mann, welch eine unerwartete Wendung des Geschehens! Klasse, ungeschönt, direkt mit einem Hauch schwarzem Humor! :thumbs: 
  • Arghh!! So viel auf einmal... :shock:
    Nännern musst Du das immer Portionsweise servieren... :lol: :zunge: 
    Ich lese das im Urlaub... :cooler:

    Wer will findet Wege, wer nicht will, der findet Ausreden

  • Dabei habe ich ganz langsam geschrieben...keine Sorge, das sind 'alte Geschichten, weiss nicht, wann die nächste kommt  :D
    Geht anders geht besser als Geht nicht
    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
  • He E.T. schöne Geschichten, die du da geschrieben hast.
    Das erinnert mich vom Humor ein wenig an Roald Dahl.
  • Grrr, was mache ich jetzt wieder falsch?? Wollte euch was vorlesen und das per Handy Aufgenommene hier plazieren... File is Not allowed  :'(
    Geht anders geht besser als Geht nicht
    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
  • edited September 2016

    Dann halt so...

    Redaktionssitzung (Als Hörbuch herunterladen)

    Es herrschte nahezu Stille im Besprechungszimmer. Hier und da ein wenig Gemurmel, das Klappern eines Kaffeebechers.
    Dann öffnete sich die Tür des Chefbüros. "So, ihr Lieben- hier habe ich die Hand-outs mit den neuesten Daten. Bitte lesen und nachfragen, sollte etwas nicht klar sein."
    Seitengeraschel füllte den Raum. Gemurmelte Bemerkungen, spitze Kommentare und manchmal auch zufriedenes Nicken rundeten das Bild ab.

    "Och nöö, warum muss ich inj den Kongo? Wäre es zuviel verlangt, einmal morgens in einer luxuriöseren Umgebung aufzuwachen, gut zu frühstücken- und mal nicht mitten im Krisengebiet?"                                                                                           
     "Du weisst, unser "kleines Familienunternehmen" zählt auf Deine Erfahrung und Anpassungsfähigkeit. Nächstes Mal geht es ins Königreich Norwegen, versprochen!"    "Wenn das mal nicht ´ne Falle ist..."                                                                     
     "Hör auf zu murren- schliesslich muss ICH mich wieder mit diesen fürchterlichen Pelztierfarmen befassen, Du hast viel mehr Spielraum!"
    "Schluss jetzt, die Herren, die Damen! Ihr wisst, dass es da draussen sehr viele gibt, die Euch um Euren EInsatz beneiden! Schlimmer geht immer."

    Es trat wieder Stille ein.Jeder beschäftigte sich gedanklich mit der vor ihm liegenden Aufgabe.
    "Hey, willst Du noch eine Zigarette?" Der Angesprochene schüttelte abwehrend den Kopf.                                                                                                                       
    "Nein danke, dann vertrage ich die Reise wieder nicht und bin schneller zurück als vorgesehen. Aber reich mir doch noch mal den Kaffee, die nächsten Nächte werden verdammt kurz."
    Er goss das heisse Getränk in seinen Becher, trank langsam, geniesserisch. Seine vorherigen Aufträge scrollten an ihm vorüber, er blickte auf seinen reichen Schatz an Erfahrungen zurück- gute, wunderbare, schreckliche und bedeutungslose.

    Schliesslich erhob er sich, seufzend. "Ok, ich bin dann weg.Bis demnächst, passt auf Euch auf!"  Einige Umarmungen, lächelnde Blicke, Hoffnung, Mitleid, Gleichgültigkeit.

    Er verliess den Raum, schlenderte langsam durch den dunklen Gang. Er legte seine Jacke ab, schlüpfte aus den Stiefeln. Leerte die Taschen, zog den Gürtel aus den Schlaufen. Ein Kleidungsstück nach dem andern liess er zurück, wärend er immer schneller durch den enger werdenden Gang eilte, bis er schliesslich rannte, immer weiter. Sein Atem schwoll an, füllte die Lunge, er lauschte auf seine gierigen Atemzüge, wohl wissend, dass es die letzten hier sein würden.                         

     Der Fussboden geriet in Schräglage, er rutschte mehr, als dass er lief, glitt schliesslich aus und schoss durch den immer enger werdenden Gang- ewig, so schien es ihm.
    Da, der Ausgang, er konnte den schnell sich vergrössernden Lichtfleck erkennen, spannte seine Muskeln an um sich vorzubereiten auf das, was kam.
    Da, jetzt steckte er fest, kämpfte, die Luft wurde aus ihm gepresst. Er wühlte sich vorwärts, mit aller Kraft, bis er plötzlich frei war und sein befreiter Schrei sich mit anderen mischte.

    Er öffnete die Augen. Über ihm ein leuchtendes Gesicht, müde und triumphierend, umrahmt mit wirren, feuchten Haaren.                                                                 
    "Hier haben SIe ihren Sohn, alles ist wunderbar" hörte er die zufriedene Stimme der Hebamme im Hintergrund. Und er fühlte die Umarmung seiner Mutter.
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  • Kongo... Welch eine spät klar werdende Doppeldeutigkeit!!! Genial skurril und unerwartet!!! 
    :thumbs: 
  • Das wurde kurz nach dem Anschlag in Oslo geschrieben Anmerk. d.Red.  ;)
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  • Ich liebe deine Geschichten.
    Gibt es eine Fortsetzung von 20 Cent?
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  • Ich denke drüber nach :smile:  Momentan wabernde noch ein zweiter Teil von True Colours, ich kann ihn noch nicht ganz fassen, aber er kommt. Bis dahin liegt aber noch einiges auf dem Rechner, was ich hier lassen kann ( ich habe aber gerade keinen Überblick , was davon schon bekannt ist).
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  • True Colours fand ich auch genial.  Traurig das die Geschichten sooo kurz sind. Ich glaube du solltest dich mal an einem Buch probieren.
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  • Die Länge finde ich für hier super, kann man mal abends lesen. Knackig, nicht zu lang... :thumbs: 
  • schön geschrieben... :herz: 
    erinnert mich an meine geburt... :lol:

    kannst ja auch n komplettes buch schreiben... dein stil ist auf jeden fall gut... :thumbs: 
    und hier kapitel pro kapitel, bis es fertig ist... :dafuer: 

    Das ist CaBaaaa!!!! 😜

  • Vielen Dank, ihr Lieben, für Eure Rückmeldungen :herz: Ich habe ja eigentlich zwei angefangene längere Dinger hier rumliegen... aber das wird dann irgendwann Arbeit  :lol: Wünsche über 'Auftragsgeschichten' gerne per PN an mich- und wer etwas vorgelesen haben möchte, kann mir eine Whatsapp Nr schicken ( ich bekomme Sprachaufzeichnungen ja hier irgendwie nicht hinein)
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  • ......ich bekomme Sprachaufzeichnungen ja hier irgendwie nicht hinein)
    Eusi, babe... wir sind hia nich bei facebook... :shock:
    du hast es hier mit Admins aus fleisch und stamina zu tun... :lol  :maennerpopo: 
    schick mir das teil mal per mail und ich bastel was, damits hier reinpasst!! :cooler:

    Das ist CaBaaaa!!!! 😜

  • edited September 2016
    Per Whatsapp wenn recht ist... ok, Demo läuft ( Redaktionssitzung gelesen)
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  • Au ja, möchte auch ETs gute Nacht Geschichte!!!  :hurra:

  • Ich schicke dir was  ;) Jetzt gehe ich erst mal EISENKLOPPEN  :hurra: :klatsch:
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  • Hier einmal etwas ganz anderes..... ich schwöre, die Geschichte ist war! Leider hat uns irgendwann der TÜV getrennt. Rost in peace, kleiner Micra!



    Never touch a working system

    Die Beziehung zwischen Männern und Autos ist so legendär wie klischeehaft. Wo sonst kann man dermassen viele Zahlen in einem Satz unterbringen, dass es dafür einen eigenen Terminus ("Benzin reden") gibt, von den Spiel- äh, Werkzeugen mal abgesehen. Ich habe nicht wenige kennengelernt, die ihr Schätzchen in- und auswendig kannten, aber sich kein familiäres Geburtsdatum merken konnten (auch ein Klischee, ich weiss- dennoch...).

    Bei Autos und Frauen ist das anders. Das Ding muss eine Seele haben, sonst funktioniert die Zweierbeziehung nicht. Wovon diese Seele existiert, ist unklar (von mir bekommen Autos nur die lebenserhaltenden Flüssigkeiten und bei Bedarf neue Reifen). Meine beinahe bewiesene Theorie lautet- sie ernährt sich von Kekskrümeln und den diversen DIngen, die einfach schon darin verschwunden sind.
    Definitiv beseelt waren die meisten meiner Vehikel, insbesondere mein Mexikanerkäfer  (wir retteten uns gegenseitig das Chassis) und mein erster, der Polo1 (er blieb so oft stehen, an den blödesten Orten- aber nie, wenn es zeitlich nicht drin war).

    Auch mein verbeulter Micra ist so ein lebendiges Teil. Längst totgesagt von der Versicherung (nachdem uns ein VW-Transporter bei Glatteis gerammt hat), scheint er durch eine Mischung aus Hoffnung, Notwendigkeit und Eigensinn zusammen zu halten.                               
    Letztes Jahr liebäugelte ich in seiner Gegenwart ein wenig zu laut mit etwas grösseren Kofferräumen und einer Anhängerkupplung, als er vor Frust darüber an einer Ampel sein Getriebe in einem 120-Teile-Puzzle ausspuckte. Vom ADAC fürsorglich abgeschleppt (ist mir auch lange nicht passiert) lautete dann die Diagnose des sehr zugewandten und offenbar  ehrlichen KFZ-Meisters ("Ich reparier ihnen das, aber denken sie noch mal ne Nacht darüber nach") 1.500 Euronen....ich knallte dann erst mal meinen Kopf auf die Tischplatte.   Irgendein schaulustiger Kunde auf dem Hof meinte, seine Semifachmeinung einfliessen lassen zu müssen. "Das ist doch ein Müllhaufen!" Du Arschloch (Arschlichter kannte man damals noch nicht), das ist MEIN Müllhaufen! wollte ich aufbegehren, schlich aber erstmal vom Hof.

    Ein lieber Bekannter mit grossem Herz für das Hoffnungslose hat mir die Hütte dann später für (nein, ich sag´s nicht- aber es war NIX Anrüchiges!) wieder zusammengeflickt und TÜV-fertig gemacht. Seitdem läuft er, mit ein paar Betriebsgeräuschen mehr.
    Nun sollte man denken, ich sei lernfähig. Schliesslich mach ich nicht zweimal den gleichen Fehler sondern erfinde immer wieder neue. Aber durch die allgemeine Fahrsituation (jeden Tag ca 70 Kilometer, inzwischen OHNE funktionables CD-Teil, dafür mit zunehmend streikenden Türschlössern... mit inzwischen deutlich gesteigerten Bettiebsgeräuschen....und dreckig isser auch, grmpfff) etwas angepisst, fachsimpelte ich neulich in der Nähe meines Vehikels mit einer Renault-Fahrerin über die Vorteile und den Benzinverbrauch ihres (blitzsauberen) Vierräders.
    Glaubt es, oder nicht- als ich zuhause den Kofferraum öffnen wollte, brach ansatzlos der Griff ab.
    Ich hab dem Kleinen zur Besänftigung eine Innenreinigung spendiert (der Benzinverbrauch sank promt) und ein paar neue Reifen versprochen. Ich hoffe, er verzeiht mir!
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  • Sooo... Dake Sushi an die Erinnerung... :yau:

    Redaktionssitzung oben hat jetzt das Hörbuch mit dabei!!! :hurra: 

    @ Eusi: sag an, ob das so OK ist... :thumbs:

    Wer will findet Wege, wer nicht will, der findet Ausreden

  • Mein Held der Datenströme, ich danke dir  :klatsch: oioioi, jetzt muss ich dann wohl mal dringend was Neues schreiben/ sprechen....ich habe hier zwar noch alte Schätze rumliegen, aber ich weiß nicht, wer die schon kennt...
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    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"

  • Sooo, zum Jahresende doch noch mal eine Geschichte :D   Die ist noch mal aus der Schublade, aber ich habe demnächst wohl noch mal etwas für euch, auf das ich mich freue :)


    Fadenkreuz

    Manche sagen, ich töte Menschen. Aber das stimmt so nicht. Ich beobachte, studiere sie, krieche in und unter ihre Haut....und dann veranlasse ich ein, zwei Dinge, mit denen sie sich selbst ihr Ende bereiten. Oder sich stark beeinträchtigen. Nicht willentlich, sicher, aber sie tun es. Durch ihre Gier, ihre Eigenheiten.
    Ob sie sterben oder sich nur mehr oder weniger schweren Schaden zufügen, ergibt sich aus dem Auftrag. Oder dem Zufall. Ob ich mich schuldig fühle? Fühlen sich die Hersteller von Waffen schuldig, weil sich mit ihrer Technologie Kindersoldaten gegenseitig niedermetzeln? Fühlen sich die Tierfabrikanten schuldig, dass durch grossflächigen Einsatz von Antibiotika Menschen leiden, weil nichts mehr gegen ihre multiresistenten Keime getan werden kann? Fühlt sich der Manager schuldig, der sich mit seinem Geländewagenverschnitt durch die Stadt wälzt und dabei 27 Liter Edelsuper verprasst, wärend sich seine Frau im ganzjährig beheizten Aussenpool entspannt? Nein, ich gebe den Menschen, was sie wollen- und verdiene gerade gut genug dabei.
    Neulich wurde ich aufgesucht, um den überaus jovialen und tüchtigen Vizechef eines aufstrebenden Betriebes aus dem Weg zu räumen. Der Typ war dermassen tüchtig und jovial, dass er rücksichtslos die Projekte der anderen Mitarbeiter manipulierte und ihr geistiges Eigentum stahl.
    Ich gab vor, ein Praktikum machen zu wollen und klebte fortan an seinem breiten Hintern. Sah reglos zu, wie er Berichte verfälschte oder verschwinden liess und diskret dem BigBoss überaus praktische -und für ihn vorteilhafte- Ideen unterbreitete. Und ich beobachtete seine Tagesstruktur, seine kleinen Eigenheiten, seine Vorlieben und Abneigungen. Sie fanden ihn in der Teeküche, in der er sich morgens immer höchstselbst seinen Earl Grey mit einer Scheibe Zitrone bereitete. Tragisch, dass die unschuldig wirkende Zitrusfrucht genau mit dem Pestizid verunreinigt war, auf dass er mit einem analeptischen Schock reagierte. Die Bürodame gab an, die Früchte wie gewohnt aus dem Bioladen ihres Vertrauens geholt zu haben, sie konnte sogar den Bon noch vorweisen. Und heiss abgewaschen habe sie die Frucht auch, wie angeordnet. Sie kam im Leben nicht darauf, wie schnell so ein Obst ausgetauscht ist- und warum das jemand tun sollte
    Den Kerl letzte Woche hat es weniger drastisch erwischt- ich wusste um seine Vorliebe für kleine zierliche Schwarzhaarige und es bedurfte nicht viel Mühe, eine entsprechende Dame auf ihn anzusetzten. Nun hat er Filzläuse und die Frau wurde angemessen entschädigt.
    Aber dieser Fall ist wirklich kniffelig. Wer mich beauftragt hat, ist wie immer, irrelevant. Er hat seine Gründe und es ist nicht an mir, sie zu bewerten. Mein Opfer ist eine Endvierzigerin, Chefin eines Onlineversandes und...ihrer Familie. SIe zieht die Fäden, hält sie fest in ihren manikürten Krallen, dirigiert das Glück ihrer Lieben in der perfekt geordneten Wohnung im perfekt geordneten Stadtteil. SIe hat einen erfolgreichen Mann, der die richtigen Freundschaften pflegt, und drei Kinder. Zwei, die gerade durch verschiedene Studiengänge gejagt werden, und eines, das eine Förderschule besucht.
    Der Junge hat, wie jeder Förderschüler, ein Anrecht auf  Arbeit in der Werkstatt für geistig Behinderte. Er würde gerne dort hingehen-so wurde mir berichtet- und dort im Bereich Verpackung arbeiten. Sie wissen schon, die Microfasertücher, die Sie neulich sparsam im Dreierpack gekauft haben- die wurden dort zusammengetackert. Die Mutter ist dagegen. SIe bekommt Migräne bei der Vorstellung, ihr Sohn könnte weiterhin sein Leben verschwenden, aufgrund der Fehleinschätzung von irgendwelchen dubiosen Möchtegern-Pädagogen. Und was das für ihre Familie bedeute, unfassbar, schlimm genug, das er jetzt auf "so einer Schule" sei.
    Nein, sie würde den schon unterbringen, ihre Schwester habe ein Pflegeheim, da könne er ja erstmal ein Praktikum machen. Das Problem dabei ist, so sagte mein Klient, dass dem Jungen die alten Leute Angst machen würden. Nun würde er bald 18 und könne dann selbst entscheiden, was er tut-es sei denn, jemand übernehme komplett seine Pflegschaft. SIcher bräuchte er immer Hilfe, aber so wichtige Dinge sollten doch im Sinn des Betreffenden entschieden werden, so wurde auf mich eingeredet.
    Solange die Mutter die Fäden in den Händen halte, würde der Sohn sich nicht trauen, seine Wünsche zu äussern. Wenn sie aber eine Zeit aus dem Weg sei, könnte seine Schwester auf ihn einwirken und selbst die Personensorge übertragen bekommen.
    Das Ganze interessiert mich persöhnlich so viel wie das Jahresbrutto von Wattestäbchenherstellern. Aber Details sammeln gehört nun mal zu meinem Auftrag. Ich bekam einen Job in der Auslieferung und beobachtete. Die Dame besass kaum wiederkehrende Gewohnheiten, bis auf die Tatsache, dass sie über jeden Fussel Bescheid wissen musste und ohne ihr Einverständnis keiner auch nur einen Schluckauf gehabt hätte. Ich brütete mehrere Tage, bis der Plan stand. An Fäden oder Drähten hielt sie die Menschen um sie herum in Schach, also sollten auch Drähte oder Fäden sie zu Fall bringen. Ich werde also die elektrischen Leitungen manipulieren, die zum Lichtschalter auf der Kellertreppe führen. SIe wird höchstwahrscheinlich überwachen wollen, dass ich die richtige Ware heraufhole, um sie einzuladen. Wenn sie dann nach dem Schalter tastet -ich werde ja den Behälter in den Händen tragen- wird sie einen Schlag bekommen. Um sie zu schützen, werde ich sie mit dem Behälter von der Gefahrenquelle fortstossen. Das sollte für einen Sturz mit unangenehmen Folgen ausreichen. Mir rennt etwas die Zeit davon, da der junge Mann nächste Woche volljährig wird.  

    Die Wege des Herrn oder wer sonst zuständig ist, sind wirklich unergründlich. Der Auftrag wurde perfekt ausgeführt- jedoch nicht von mir.  Mein potentielles Opfer brachte sich selbst zu Fall.
    Es erreichte sie der Anruf eines Fahrers, dass es auf einer Landstrasse einen Unfall gab und die komplette Ware sich ausserhalb der Transportbehälter befand. Sie kreischte noch "Oh Gott, die Ernten", sprang auf, verfing  sich dabei in den Kabeln ihrer Telefonanlage und stürzte zu Boden, was einen komplizierten  Armbruch, der operiert werden musste, zur Folge hatte. Ich kam mit einer Mitarbeiterdelegation inclusive Präsentkorb zu ihr ins Krankenzimmer und hatte etwas Mühe, meine Gesichtszüge stabil zu halten. Der rechte Arm war von der Schulter bis zu den Fingerspitzen komplett vergibst und hing- wie bei einer Marionette- an einem Galgen. Nun denn, das hätte ich nicht besser erledigen können. Mein Job ist getan, ergo kann ich den Betrieb demnächst unauffällig verlassen.
    Was wir transportiert haben, fragen SIe? Lebendfutter für Terrarientiere, habe ich das nicht erwähnt?

    Geht anders geht besser als Geht nicht
    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
  • Super, I Love your style babe! Eloquent, etwas witzig, etwas grausam mit einem Quäntchen Ekel,... :grins: :gott:
  • edited März 2017
    So, endlich habe ich meine Geschichte zurück und kann sie euch hier reintickern :thumbs:
    Keine Ahnung, wie ihr das findet, es ist erst ein erster Teil, die Geschichte ist aus der Edda gemopst..... im Prinzip die Genesis der Nordvölker. Ich habe versucht, es in verständliche Sprache zu bringen und irgendwie  in einen Rahmen zu packen, wie ich weitermache, weiss ich noch nicht....
    Ich freue mich über Feedback und ich hab auch nix gegen kritische Anmerkungen :D


    Die Seherin

    Weit gingen wir durch den Wald, viele Stunden lang....bis wir an einen Baum kamen, mächtig, wie Yggdrasil selbst.  
    Unmöglich schien es, in die Krone zu spähen und zwischen den dicken Blättern wisperte es. Unten am Stamm lehnte eine kleine Hütte. Die Tür ging auf wie ein schiefes Maul und die Seherin trat heraus. Sie war so uralt, dass keiner mehr ihren Namen wusste- und wenn die Alte selbst sich daran  erinnerte, so würde sie sich hüten, ihn zu nennen...

    Ihre Haut war so faltig wie die Rinde des Baumes und die Augen milchig verschleiert. Dennoch hielt sie sich gerade und ihre Stimme, mit der sie uns hereinbat, war überraschend klar. "Ihr seid also gekommen um zu erfahren,- was war, was ist und was sein wird. Nun, kommt ans Feuer und giesst mir ein."

    Ich zog ein Flasche hervor und goss den orangegoldenen Inhalt in einen steinernen Becher, der auf dem Tisch stand.
    Die Seherin schürte derweil das Kaminfeuer und hockte sich auf einen großen Stuhl davor. Sie blickte in die Flammen. Keiner sprach ein Wort. Plötzlich holte sie tief Luft und begann zu sprechen. "Die große Esche Yggdrasil hält mit ihren Ästen die neun Welten. Als der Riese Ymir noch lebte, gab es nichts als die unendliche Leere und nichts darin hatte seinen Platz. Da kamen Börs Söhne und schufen die Mittelerde und mit ihr die Tiere und Pflanzen. Die Götter berieten sich, wie sie das Chaos ordnen könnten. So nannten sie den Mond und die Sonne beim Namen und wiesen ihnen und den Sternen feste Plätze zu. So schufen sie die Zeit."
    Die Frau nahm einen Schluck aus ihrem Becher. Erst jetzt wurde ich gewahr, dass ihre Falten sich geglättet hatten und dass ihr das Haar hellrot aus der Kapuze quoll. Ihre grünen Augen waren bar aller Trübniss und weiter fest auf die Flammen gerichtet. Sie fuhr fort.
    "Das göttliche Volk der Asen liess sich im Idafeld nieder. Sie bauten sich ihren wunderbaren Palast und wurden meisterlich in Handwerk und Dichtkunst.
    Eines Tages kamen drei Töchter der Riesen zu ihnen.Es wurde Rat gehalten und man beschloss, das Volk der Zwerge zu schaffen, dassich um die Erde kümmern sollte.
    Da gab es Modsognir den Müden, Herr über alle Erdzwerge. Ihm folgte Durin der Schläfrige, auf ihn hörte das kleine Volk der Steine. Der dritte König war Dwalin der Langsame, sein Reich war die Sandebene. Warum dieser letzte den Namen des Hirschen Dwalin, der mit seinen Brüdern von der großen Esche frisst, trägt, ist unerzählt, aber alle stammen sie von Lofar, dem lobenswerten Krieger und Vater aller Zwerge. Bis heute weiß niemand, ob es die wahren Namen der Zwerge sind- sollte man von solchen Herren doch anderes erwarten als Müdigkeit, Schläfrigkeit und Langsamkeit. Vielleicht sollten damit Feinde getäuscht werden. Vielleicht behielten sie auch ihre wahren Namen für sich, denn Namen haben Macht."
    Sie schwieg eine Weile und nahm einen wei Schluck aus dem Becher. Dann fuhr sie fort. "Nach dieser Ratsversammlung gingen die drei mächtigen Asen Odin, Feuergott Loki und der schweigsame Gott des Wassers, Hönir, zum Ufer des Meeres. Dort fanden sie zwei Baumstämme und beschlossen, noch mehr Leben entstehen zu lassen. Sie gaben den Hölzern die Namen Ask und Embla. Odin gab ihnen die Seele, von Loki bekamen sie das leidenschaftliche Blut und die Schönheit. Hönir schenkte ihnen die Sinne. So wurden die Menschen von diesen drei Freunden erschaffen.".
    Die weise Frau seufzte und streckte sich.Ihre Augen funkelten aus einem jungen, frischen Gesicht, während sie einen weiteren Schluck nahm.
    Mein Begleiter konnte sich nicht zurückhalten. Nachdem er eine Weile mit dem Bein gewippt hat, stiess er seine Frage hervor:" Was wisst ihr von Allvater Odin? Und wofür gab er sein Auge?"
    Sie warf einen belustigten Blick auf ihn, dann wandte sie sich wieder den Flammen zu.
    "Die große Esche Yggdrasil hält die neun Welten. Sie ist von weissem Nebe verhüllt, der an ihrem Stamm perlt und die unendlichem Quellen speist,über denen der immergrüne Baum steht. Bei einer dieser Quellen leben die Nornen, die den weissen, feuchten Sand aus Urds Brunnen an den Weltenbaum werfen, um ihn zu schützen und zu nähren. Der Name der einen, Urd, bedeutet Schicksal. Skuld, die Zweite, heißt das Gesollte oder die Schuld. Der Name der
    Dritten, Verdani, ist das Werdende.
    Diese drei schnitten die Runenstäbe, mit denen sie das Leben der Menschen deuten und ihr Schicksal bestimmen."
    War es der Schatten des Feuers? Das Gesicht der Alten schien sich in rascher Folge zu  verändern, vom jungen Mädchen bis zur uralten Frau und wieder zurück. Einmal schien es mir, als wären die tiefen Augenhöhlen leer und der Tod selbst blickte aus bleichen Knochen hervor. Sie fuhr fort.
    "An dieser Quelle befindet sich auch der Gerichtssaal der Götter. Große Dinge werden hier besprochen und erdacht und Odin ist bei ihnen. Weil aber Walvater Odin noch gerechter und weiser in seinen Richtsprüchen werden wollte, begab er sich zu der anderen Quelle, an der der Riese Mimir hauste. Er bat ihn, aus seiner Quelle trinken  zu dürfen und so seine eigene Weisheit zu vernehmen. Mimir gestattete es ihm, doch verlangte er ein Pfand. Große Weisheit kann nicht ohne ein großes Opfer erlangt werden. Da gab ihm Odin sein eines Auge und Mimir barg es in der Quelle, während Odin davon trank.
    Odin besitzt einen Ring, aus dem immer wieder neue Ringe hervorgehen. Auch hiervon gab er einige in Mimirs Brunnen, um seinen Dank zu zeigen- denn nun konnte er in alle Welten sehen sehen und guten Rat beschließen.
    Ich will euch auch von Odins Mädchen berichten,  die als Walküren die Welt durchreiten , bereit zur Schlacht und beauftragt, die Seelen der gefallenen Krieger nach Walhalla in Odins zweiten Palast, Gladstein zu bringen. Hier werden ihre Taten von den Göttern besungen und sie halten sich bereit für Ragnarökk."
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  • edited März 2017

    weiter geht es.... noch nicht ganz fertig, und bevor jemand mault ( maulen sollte, weiß gar nicht, wer noch folgt)... ist FSK 12, Sex&Crime gibt es nur per PN :D

    "Genug für heute, morgen erzähle ich euch mehr. Eine alte Frau braucht ihren Schlaf und ich muss noch ein paar wilde Kräuter sammeln. Schlagt eure Zelte auf der Lichtung, ein paar hundert Schritte von hier, auf."   
    In der Nacht weckte mich etwas, wie ein Schrei in meinem Kopf. Mir war, als rief mich jemand. Ich zog mich an, nahm meinen Bogen und ging hinaus. Es war still, der Wald schien tief auszuatmen.
    Ich folgte einem Pfad , die Mondstrahlen liessen einzelne Grashalme und Blätter aufleuchten. Von Zeit zu Zeit raschelte etwas seitlich ins Gebüsch. Ich versuchte, Ruhe auszustrahlen." Keine Sorge, ich komme und gehe als Freund", waren meine Gedanken und ich schickte sie in den Wald hinein. Da erblickte ich die Seherin. Sie stand gebückt und schnitt Pflanzenteile von einem Strauch, die sie in den Korb in ihrer Hand fallen ließ. Sie wandte sich zu mir, ein Lächeln kroch über ihr Gesicht. Ich wollte sie gerade ansprechen, als ihre Augen sich weiteten. Sie ließ den Korb fallen und strecke die Hand wie abwehrend aus. Gleichzeitig hörte ich etwas auf uns zurasen, es klang, als würde Sleipnir selbst durch den Wald toben. Ich wirbelte herum, meine Hand fuhr zum Köcher und legte einen Pfeil an den Bogen. Ein gewaltiger Keiler brach durch das Gebüsch, das schwarze Fell gesträubt. Die gewaltigen Hauer blitzten und seine Augen schienen vor Wut grellrot zu leuchten. Ich schrie ihn an, in der Hoffnung, deinen Lauf abzuwenden, dann zog ich die Sehne und schoß. Das Tier brüllte auf, lief ungebremst. Ich war sicher, ihn verfehlt zu haben und stand aufrecht, die Hand mit einem zweiten Pfeil erhoben, denn Zeit für einen weiteren Schuss hatte ich nicht. Das Wildschwein sprang, doch bevor es mich und meinen lächerlichen Pfeil erreichte, schien es in der Mitte zu brechen. Beide Teile sanken nieder und vergingen. Statt dessen erhoben sich  aus Ihnen zwei Raben. Sie schlugen mit den samtschwarzen Flügeln und umkreisten uns. 
    Die Seherin, deren ganze Furcht abgefallen zu sein schien, streckte lächelnd die Hand aus. Eines der Tiere nahm majestätisch darauf Platz und wandte ihr ein blitzendes Auge zu. Das andere war blicklos auf mich gerichtet, jedoch fühlte ich mich, als sähe es bis in mein Herz. Jedes Geheimnis, jeder Gedanke, jede Regung wurde begutachtet und gewogen. Dann wandte der Rabe sich ganz der Seherin zu. Sie lächelte erneut und strich ihm sanft über die gefiederte Kehle. "Danke, mein Freund- und grüße ihn von mir." Der Vogel schüttelte sich aufplusternd, erhob sich von ihrer Hand und stieg lautlos mit seinem Gefährten, der auf einem Stein gewartet hatte, in den mondhellen Himmel.  
    Die Seherin drehte sich immer noch lächelnd zu mir."Danke auch dir, dass du versucht hast, uns zu retten." Ich wollte etwas erwiedern, aber sie legte mir ihre Hand auf die Schulter. Dann zog sie mich zu sich.Sie berührte mich mit ihrem jungen Herz, dem reifen Körper und ihrer alten Seele. Während sie mich in die Arme zog und mich küsste, flogen mir Bilder durch den Kopf, und ich sah, ich SAH...   

    Am nächsten Morgen weckte mich der Ruf meines Begleiters. "Was  für eine Gaukelei ist das?" schrie er, offenbar fassungslos.  
      to be continued....
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  • edited April 2017
    Um es endlich zum Abschluß zu bringen :)

    "Nein", brach es aus meinem Begleiter hervor,"wo ist sie hin? Der ganze Weg- umsonst? Wie geht es weiter?"
    Plötzlich durchfuhr mich ein Schütteln und ich sah im Geiste alte, junge, weise Augen.
    "Geeren Guldweig aus Wanenheim berichtet dem Asenvolk vom Goldschatz der Wanen. Einige Asen werden gierig und versuchen, den Ort des Schatzes aus ihr herauszuzwingen. Dreimal werfen sie sie ins Feuer, dreimal kommt sie unversehrt heraus. Darauf wird sie als Hexe verschrien und verjagt. Doch es ist Göttin Freya selbst, die heilen und mit den Wölfen sprechen kann, aber auch gern die Menschen verwirrt.
    Die Götter halten Rat, was zu tun sei- sollten die Asen selbst ihre Untreuen richten oder sollte das ganze Asenvolk den Göttern Sühneopfer bringen? Es wird beschlossen, den Asenpalast zu stürmen. Die besten Wanenkrieger ziehen ins Feld. Dort stehen sie in langer Reihe. Der Wall der Asen bricht. Da schleudert Odin seinen Speer und so kommt Mord in die Welt.
    Die Wanen haben Kriegsgott Tyr auf ihrer Seite und es kommt zu einer langen und grausamen Schlacht. Schließlich kommen die Asen, um Frieden zu suchen und bringen ein Angebot über einen Waffenstillstand. Obwohl dem Sieg nahe, nehmen die Wanen das Angebot an. Hoenir wird als oberster Gott von beiden Völkern gewählt, Mimir ist sein weiser Berater.
    Doch es ist noch nicht zuende mit dem Morden, es gibt Zorn und Verrat und List. Die Krieger Walhallas kämpften in Strömen von Blut und der Fenriswolf, Bruder der Hel,wird den Mond verschlingen.
    Die Götter wanken und ein Feuer überzieht die Erde, bis es von einer gewaltigen Flut gelöscht wird.
    Die überlebenden Menschen werden mit Hoenir tragende Äcker auf dem Nidarfelsen finden.Sie bauen einen Palast, um seinen goldenen Saal mit ihrer Ehre zu füllen. Doch der Drache Nidhöggur trägt die Leichen der Schlacht auf seinen Schwingen und weidet sich an ihren Qualen."
    Mein Begleiter sinkt in sich zusammen. "Dann wird meine Familie, mein Volk, mein Erbe verloren sein". Ich sah ihn an und lächelte. "Nein, mein König, du und dein Volk, ihr werdet die nächste Schlacht für euch entscheiden. Es wird Frieden sein und eure Taten werden besungen werden, wie eure Erfindungen." Ich sah die Erleichterung in seinem Gesicht leuchten und wandte mich lächelnd ab. Er war kein Krieger des Schlachtfeldes, seine Begabung lag im Erschaffen nützlicher Gerätschaften und Maschinen. Er wird sein Reich in Frieden und Wohlstand führen. Jedoch ohne mich. Ich werde in Walhalla der letzten Schlacht freudig entgegen sehen. Freya selbst war es, die mich für die Walküren zeichnete.
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  • Da ist sie... "True Colours 2" :grins: Seit ich das Wort Manticor in einem Hörspiel kennengelernt habe, wabert sie rum- nun ist sie draussen. Ich hoffe, sie gefällt euch

    Manticor

    Der Schlüssel klapperte, als er die Tür aufstieß und seinen Laden, sein Leben betrat.
    Die Nachmittagssonne strich über die Zeichnungen und Fotografien, die sich an den Wänden drängten und schimmerte auf den Liegen und alten Ledersesseln.
    Er nahm seine übliche Runde vom Eingang durch den Wartebereich, vorbei an den Vitrinen, die die wertvollen Werkzeuge und ein paar Sammlerstücke beschützten, den Regalen mit Vorlagebüchern bis zur Kaffeemaschine. Es war recht spät, normalerweise wäre er schon seit ein paar Stunden am designen, verschönern, verzieren oder verschandeln, je nach Blickwinkel. Aber heute hatte er nur diesen einen Kunden, für den er wirklich ausgeruht sein wollte. Dieser Mann hatte sein ganzes Talent und seine volle Aufmerksamkeit verdient.
    Er drückte mit zwei Fingern auf die Punkte an der Nasenwurzel, um seine Kopfschmerzen zu lindern. Sie waren seit geraumer Zeit seine treuen Begleiter, im günstigsten Fall nur ein sonores unterschwelliges Brummen, manchmal aber auch eine reißende grelle Kaskade.
    Er kam meistens mit ihnen aus. Sie schienen einfach der Preis zu sein, den er für seine Gabe zahlen musste. Wer sich ständig den dunkelsten Geheimnissen und tiefsten Wünschen anderer aussetzt, um sie in Tinte zu transformieren und auf der äusseren Haut abzubilden, an dem bleibt immer etwas haften. Ein Blick hinter die falsche Tür, eine Spur zu düstere Finsternis... eines Tages würde er sich mit Dorian Gray auseinander setzen müssen.
    Aber nicht heute. Er atmete tief ein und versuchte beim Ausatmen, sich etwas von der Spannung zu lösen. Ein Bourbon würde helfen, aber auch die Sicht vernebeln. Er atmete noch einmal durch und begann, seinen Arbeitsplatz vorzubereiten.

    "Tag, Brüderchen!" Die Stimme schallte durch den Eingangsbereich.
    "Komm rein, bin gleich soweit."
    Wine kurzen Moment musterten sie sich, dann umarmten sie sich, den anderen in allen Facetten wahrnehmend.
    Sie hätten nicht gegensätzlicher wirken können. Er, der hagere Tätowierer mit mal mehr, mal weniger Gestrüpp im Gesicht, das die dunkle Brille zu einem Großteil beherrschte. Künstler in seinem Fach, das das Image von Schmuddeligkeit und Bodensatz der Gesellschaft nie so ganz loszuwerden vermochte, egal, wie viele Violinisten, Banker und Politiker inzwischen gestochen waren.
    Sein Bruder, eine Handbreit größer und mehrere Kilo schwerer dagegen mit dem glatten offenen Gesicht des Chefarztes strahlte Souveränität und seriöse Kompetenz aus  Würde er ihn nicht kennen, er hätte ihn in die unterste Schublade, die man für die Arroganten und Dekadenten bereithält, gesteckt.
    Ein Griff in das gepflegte Jackett und ein Röhrchen mit Tabletten kam zum Vorschein. Er grinste. "Oh, danke dir. Wie praktisch, dass unsere lieben Eltern dich damals auf die Uni geschickt haben."
    "Wie praktisch, dass deine Kunst mir damals die Bücher bezahlt hat." kam es trocken zurück. "Unter Brüdern teilt man eben gerne"
    In der Tat. Sie teilten. Ihr Erbe, ihre Begabung, jeder auf seine Weise,
    "So, fertig, mach's dir bequem. Bist du dir jetzt wirklich wegen der richtigen Stelle sicher?"
    "Ja, tob dich aus, mein Rücken gehört dir. Unter'm Kittel sieht es ja keiner, den es nichts angeht."
    Die Liege ächzte, als sein Bruder sich auf ihr ausstreckte.

    Er streifte die dünnen Handschuhe über und grinste bei dem Gedanken, dass in der Klinik wahrscheinlich die gleiche hochwertige Marke benutzt wurde. Seine Augen schlossen sich. Er liess seinen Geist durch die Haut seines Gegenübers sickern, durch die Gewebeschichten von Fett und Muskeln wandern. Wie angenehm, dabei nichts vortäuschen zu müssen, einfach ungestört seinem Instinkt folgen zu können. Sein Bruder würde ihn weder durch Nervosität zuschwallen, noch versuchen, die Dauer durch dumpfes Geplauder zu verkürzen.
    Er irrte eine Weile umher, bis er fand, was er suchte. Die Energien, die Signaturen, die den seinen so ähnlich waren und sich doch so sehr unterschieden.
    Während die Maschine in seiner Hand zu surren begann und über die Haut seines Bruders lief, tauchten vor seinem inneren Auge Bilder auf. Eindrücke entstanden, und auch Geräusche. Der Schläger. Die Gewissenlose. Die heimliche Mörderin. Der Typ mit Münchhausensyndrom. Der Vergewaltiger. Die gnadenlose Tyrannin. Sie alle hatten bei seinem Bruder, dem berühmten Chirurgen, auf dem Tisch gelegen, um sich Leberflecke zu entfernen, Kiefer richten oder Nasobialfalten glattbügeln zu lassen. Auch ein paar Unfallopfer waren dabei, denen ein paar Operationen das verbrannte Gesicht oder die zerstörte Hand wieder herstellte. Die meissten, das wusste er, würde er allerdings nicht finde, da sie ganz normale anständige Leute waren. Nein, diese Energien kamen von den heimlichen Kriminellen. Während er selbst die Gabe hatte, die geheimen Sehnsüchte und Wünsche seiner Kunden zu finden und in Bilder zu verwandeln, vermochte sein Bruder bei den Operationen versteckte Bosheit und Heimtücke aufzuspüren. Wo sein Kanal die Tätowiermaschine war, nutzte der Arzt das Skalpell, um unauffällig die gesammelten Energien zu konzentrieren und in bestimmte Organe oder Gewebe zu schicken. Dazu musste er nicht direkt das Ziel ansteuern. Als Mediziner waren ihm die Stoffwechsel und Zyklen vertraut genug, dass er nicht mal in die Nähe eines Herzens kommen musste, um -Wochen oder Monate später- dieses versagen zu lassen.
    So nutzte er seine Gabe- oder vielmehr sie ihn. Er suchte sich weder die Opfer noch die Folgen aus, sondern ließ sich von seinem Erbe leiten. Mord? Sicher. Recht? Unwahrscheinlich. Gerechtigkeit? Nun, so schien es.
    Aber die Bilder, die er bei seinen Wanderungen durch die Körper fand, das Wissen um die Verbrechen wie auch das im seinen Beitrag zum Tod der Täter liessen ihn nicht schlafen. Mehr als drei Stunden pro Nacht waren nicht drin. Sein Gewissen quälte ihn ebenso wie die Bilder der Taten. Darum lag er hier, darum sollte sein Bruder ihn mit einem Bild ,direkt aus seiner Seele, verschandeln. Oder auszeichnen, je nach Blickwinkel.

    Ein paar Stiche und Stunden später legte der Tätowierer das Gerät beiseite und streifte die Handschuhe ab. "Fertig. Ich hoffe, Bruder, es gefällt dir. Komm mit rüber, da hinten haben wir ein paar Spiegel."
    Der Arzt stellte sich neben den Tätowierer vor die reflektierende Fläche und betrachtete das Bild seines Rückens im gegenüber hängenden Spiegel. Kurz kreuzten sie ihre Blicke. Dann wanderten seine Augen über jeden Stich, jede Linie und Schattierung. Liebevoll betrachtete er das Monster, das nun auf seiner Haut prangte, mit aufgerissenem Maul, löwenartiger Mähne und messerscharfem Dorn auf dem Skorpionschwanz.
    "Wunderbar! Das hätte ich mir nicht besser vorstellen können. Du bist ein Genie!" Er umarmte seinen Bruder, ihre Augen trafen sich erneut. Zwei Augenpaare, die Menschen gehörten, die zuviel gesehen, zuviel vollbracht haben. Voll vom Feuer der Gabe, aber auch erschöpft, mit den ersten Rändern der Asche. Sie drückten sich noch einmal.
    "Wenn ich es eines Tages nicht mehr schaffe... wirst du mich dann operieren?"
    "Sicher."
    Geht anders geht besser als Geht nicht
    "Du bist nicht peinlich...du bist doch verrückt"
  • Sehr geil. Chapeau :gott:

    IT´S A LONG WAY TO THE TOP - IF YOU WANNA ROCK´N ROLL

     


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